„Ecclesia semper reformanda“
Was tut sich da eigentlich augenblicklich in unserer Kirche und in unseren Kirchen?

Im katholischen Bereich ist von der Zusammenlegung der Pastoralverbünde die Rede. In Bielefeld wird es spätestens ab dem Jahr 2014 nur noch drei davon geben. Von pastoralen Räumen ist die Rede und von neuen pastoralen Orten. Ist das gut? 

In Gesprächen spüre ich auch Ängste. Und Ängste darf man nicht überspringen. 

Da heißt es:

-          Wird es immer weniger mit der Kirche?
-          Zieht die Kirche sich aus der Fläche zurück?
-          Was wird aus unserer Gemeinde?
-          Werden etwa Kirchen geschlossen?
-          Wird uns unser Pastor genommen?
-          Verlieren wir kirchliche Heimat?
-          Kommt es zu einer größeren Belastung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, die irgendwann möglicherweise nicht mehr tragbar ist?

 

Was ist bei uns los? 

Es ist unbestreitbar: Die Zahl der Priester und Gemeindereferent/innen geht zurück.
Die Zahl der Gläubigen auch!
Das Erzbistum Paderborn verliert im Jahr 14.000 Katholiken. Ursache dafür sind übrigens nicht so sehr Kirchenaustritte, sondern der demographische Wandel unserer Gesellschaft.

Geht damit die Kirche in Deutschland allmählich „den Bach runter“ – trotz aller Strukturreformen?
Begünstigt nicht ein solcher Strukturwandel sogar einen schleichenden Auszug? Manche befürchten auch das. Was passiert im Augenblick?

Der Anlass für die kommende Strukturveränderung ist tatsächlich im Priester- und Gläubigenmangel zu sehen. Die Gründe aber liegen viel tiefer. Nicht nur Kirche verändert sich, die Gesellschaft insgesamt auch. Nicht allein der demographische Wandel zeigt das. Menschen „ticken“ heute anders als etwa in den 1970er Jahren. Auch das hat unterschiedliche Ursachen. Stichworte dazu sind z.B. neu  sich erschließende Medienwelten, (nicht nur ökonomische) Globalisierung, Individualisierung. Nicht zuletzt die Wirtschaftskrise und die zunehmende Verarmung auch in unseren Breiten tragen zur Veränderung bei. Die Kirche beobachtet die Gesellschaft in unserem Land (und übriges auch in unserer Stadt) sehr genau. Dabei helfen exakte soziokulturelle Studien, wie etwas die Sinus-Milieu-Studie. Dadurch wird auch deutlich, wie sehr die Erwartung an Kirche und Glaube sich verändert und wie unterschiedlich sie ist.

Wir dürfen als Kirche nicht daran vorbeisehen und nicht daran vorbeileben. Wir sind immer aufgerufen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Deshalb müssen wir uns neu aufstellen.

Papst Johannes XXIII. hatte übrigens dafür ein waches Gespür. Schon im Vorfeld des 2. Vatikanischen Konzils hat er den Begriff „aggiornamento“ geprägt: Ver-Heutigung des Glaubens. Der Glaube der Christen muss im Heute der Menschen ankommen. Das Konzil formulierte später: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ (Gaudium et spes, Art. 1) Darum geht es.

Wenn wir auf größere Räume zugehen, bietet sich auch die Chance, in ihnen nach neuen und unterschiedlichen pastoralen Orten Ausschau zu halten, die den Menschen von heute entsprechen und ihnen neue Zugangsmöglichkeiten zu Glauben und Kirche eröffnen. Da wird schon deutlich, dass Kirche sich nicht aus der Fläche zurückzieht.
Abschied nehmen müssen wir allerdings dabei auch: z.B. von traditionellen Gemeindebildern. Neue werden wir dabei entdecken.

Die deutschen Bischöfe schrieben im Jahr 2004: „Umbruchzeiten sind Gnadenzeiten. Sie bedeuten Abschied und Aufbruch, Trauerarbeit und Lust zur Innovation.“
Dieses Gemisch der Gefühle erleben wir augenblicklich. Aber worin besteht die Gnade? Die deutschen Bischöfe: „Gott selbst ist es, der unsere Verhältnisse gründlich aufmischt, um uns auf Neuland zu locken“.  Lassen wir  uns locken?

Leicht ist es nicht, leicht war es nie. Aber die Bibel berichtet von solchen Aufbrüchen immer wieder: von Abraham, von Mose, aber vor allem von dem Gott, der aufbrechen lässt. Das Neuland war schließlich das gelobte Land, in das die Israeliten hineinzogen. Das ist Zumutung, Herausforderung und Chance zugleich. Aber dahinter steht dieser unser Gott, er verlässt sein Volk nicht. Trauen wir ihm?

 

Er ist bei uns – und schon längst bei den Menschen unserer Stadt angekommen.

 

Klaus Fussy, Pfarrer


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